Kyaras Reisen ins Fantasieland

Der erste Besuch im Elfenland
(Auszugsweise)


  War es wirklich schon immer hier gewesen?
Seit Stunden lag Kyara wach in ihrem Bett. An Schlaf war nicht zu denken. Die Frage nach dem Bild ließ ihr keine Ruhe.
   Seit wann hing es tatsächlich in ihrem Zimmer? War es immer dort gewesen? Und vor allem, wo war es überhaupt hergekommen?
   Am Verwunderlichsten aber war die Antwort von Kyaras Mama auf all diese Fragen. »Ich weiß es nicht mehr«, hatte sie achselzuckend geantwortet. Das passte ganz und gar nicht zu ihrer Mama, die immer alles ganz genau wusste. Sie konnte nicht einmal sagen, ob es schon immer hier gehangen hatte.

   Das Bild zeigte eine Sommerlandschaft. Vorn begann ein Weg aus weißem Sand. Er führte am Waldrand entlang zu einer großen Wiese. Auf ihr blühten die schönsten Blumen, die man sich vorstellen konnte. Weiter hinten ragten hohe Berge mit schneebedeckten Gipfeln in den tiefblauen Himmel. Kyara mochte dieses Bild schon immer, seit es ihr bewusst aufgefallen war. Häufig und immer wieder gern setzte sie sich davor und sah es sich stundenlang an. Manchmal hatte sie schon das Gefühl gehabt, als würde sie magisch in diese zauberhafte Landschaft hinein gezogen werden. Andere Male war es, als würden sich die Schmetterlinge bewegen. Und einmal war sich Kyara sogar sicher gewesen, Vogelstimmen gehört zu haben, auch wenn Mama dazu nur meinte, dass sie selbst wohl einen ‚Vogel’ hätte.
   Aber nein, Kyara wusste genau, was sie gehört hatte.
   Das Bild strahlte Ruhe und Frieden aus. Auch jetzt betrachtete sie das Bild genau. Während sie sich darauf einließ, drangen plötzlich Vogelstimmen an ihr Ohr.
   »Von wegen, ich habe einen Vogel. Da sind sie wieder«, murmelte Kyara leise in sich hinein. »Aber das kann doch gar nicht sein.« Verwundert sah sie sich um.
   Nein – das Gezwitscher kam eindeutig aus dem Bild.
   Konnte das wirklich möglich sein?
   Plötzlich bemerkte sie, dass sich die kleinen Schmetterlinge auf dem Bild bewegten. Sie flogen von Blüte zu Blüte. Kyara trat so dicht an das Bild heran, dass ihre Nasenspitze es beinahe berührte. Und tatsächlich – es lebte. Aufgeregt schnappte Kyara nach Luft und vergaß fast wieder, sie herauszulassen. Wie gebannt starrte sie das Bild an. Es erschien ihr größer und größer, als würde es wachsen und sich wie ein Fischernetz um ihre eigene Welt legen.

   Und plötzlich füllte es den ganzen Raum aus. Kyara sah nach rechts, sah nach links, nach oben und ja, sogar nach unten. Obwohl sie in ihrem Zimmer stand und das Bild nur ansah, war es irgendwie überall. Dann wurde Kyara für einen kurzen Moment schwindlig. Es war als würde sich die eigene Welt verbiegen, als würde sich etwas in ihrem Bewusstsein verschieben. Im nächsten Augenblick passierte das Unglaubliche. Eine magische Kraft zog sie hinein in diese Welt. Und dann stand sie selbst mitten in dieser Landschaft, auf dem Weg mit dem feinen, weißen Sand.

   Verwundert sah sich Kyara um. »Das kann nicht wahr sein«, flüsterte sie sich selbst zu und kniff sich in den Arm, um zu prüfen, ob sie vielleicht nur träumte.
   Die Sonne strahlte vom Himmel und es war wohlig warm. Kyara zog sich Schuhe und Strümpfe aus. Der Sand war warm und weich wie Watte. Es fühlte sich schön an, barfuss darauf zu laufen. So schön, wie bei einem Spaziergang am Strand oder vielleicht doch eher auf den Wolken. Bei jedem Schritt, den sie ging, knirschte der Sand leise unter ihren Füßen.

Fasziniert blieb Kyara stehen und sah sich dieses wundersame Land genauer an. Rechts vom Weg lag ein Wald mit uralten Bäumen, wie man sie nur aus Träumen kannte. Mutig wagte sie sich einige Schritte in den Wald hinein. Alles war fremd und doch so vertraut. Angst hatte Kyara nicht. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass an diesem Ort, in dieser Welt keine Gefahren auf sie lauerten. Lächelnd lauschte sie den Vögeln, die überall in den Ästen saßen und fröhlich zwitscherten.

   Einige Bäume in diesem Wald hatten mächtige Stämme, mit denen sie fest und sicher auf dem Boden standen. Sie waren hoch, so hoch, dass ihre Kronen bis in den Himmel ragten und die weißen Wolken berührten. Andere Bäume waren winzig. Kyara ging vorsichtig, um nicht auf sie zu treten und sie nicht zu zerstören.
   Nachdem sich Kyara umgesehen hatte, ging sie zurück zum Weg und ein Stück auf ihm entlang. Er führte sie auf eine Brücke, unter der ein kleiner Bach rauschend verlief. Kyara folgte mit dem Blick dem Bachlauf und erkannte, dass das Wasser von weit her aus den Bergen kam, die hinter dem großen Wald lagen. Von dort aus mündete der Bach in einen See. Er glitzerte und war wunderschön. Kyara ging in die Hocke und streckte die Hand ins Wasser, als hätte sie Angst, dass es sich auflösen würde, sobald sie es berührte. Obwohl sie sich in dieser Welt bewegte und in ihr atmete, konnte Kyara nicht glauben, dass dies alles tatsächlich geschah. Das Wasser war warm und leuchtete wie der Himmel. Manchmal tiefblau, manchmal in einem hellen Grün und manchmal schimmerte das Wasser golden, wie das Haar der Elfen von denen Kyara immer wieder träumte.
   Fische tummelten sich im Wasser. Sie schillerten in allen Farben. Verzückt hielt sich Kyara die Hand vor den Mund, als ein Fisch plötzlich über die Wasseroberfläche sprang, fast als würde er fliegen. Und dann noch einer und ein weiterer. Kyara nahm sich Zeit und sah ihnen einen Augenblick bei diesem wundersamen Schauspiel zu.

   Die Neugierde auf weitere Naturschönheiten und Geheimnisse, die dieses wundersame Land verborgen haben könnte, trieb Kyara voran. Fast widerstrebend wandte sie sich ab und ging weiter auf dem Weg, den sie verlassen hatte. Es fühlt sich an, als würde ich mitten in einem Märchen stecken, dachte Kyara.
    Vor ihr tauchte eine Wiese auf, mit dem weichsten, grünsten Gras, das sie je gesehen und gefühlt hatte. Die schönsten Blumen wuchsen wie bunte Farbtupfer auf der Wiese. Sie blühten in allen Regenbogenfarben.
   Kyara wurde abgelenkt, als ihr eine Bewegung am Himmel auffiel. Ein Schwarm bunter Vögel flog genau über sie hinweg. Schwerelos glitten sie durch die Luft. Majestätisch schlugen sie ihre Schwingen auf und nieder. Ihr Gezwitscher klang in Kyaras Ohren wie fröhlicher Gesang. Während sie die Vögel beobachtete, ging sie langsam weiter, vom Weg hinunter in die Mitte der Wiese, wo sie sich ins Gras setzte. Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss die Ruhe und den Frieden, der hier allgegenwärtig war. Ich bin in einer vollkommen anderen Welt gelandet, ging es Kyara immer wieder durch den Kopf. Aber sie war nicht besorgt. Tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie wohlbehütet war und wieder nach Hause gelangen konnte, wann immer sie wollte. Doch zuerst musste sie mehr kennenlernen. Noch war sie nicht bereit für den Rückweg ...

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