"Seinetwegen"ist eine Kurzgeschichte gegriffen aus einer Rückblende des Romans"Trügerische Rosen". Im Gegensatz zum Roman, wird in der Kurzgeschichteaus der Sicht des Antagonisten geschildert.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen dieses kleinen Einblicks in die Handlung des Romans!

 

 

                                                    Seinetwegen!


   Wie jeden Morgen um diese Zeit saß Thomas hinter dem Lenkrad und wartete. Gleich würde sie erscheinen. Mit ihren schlanken Beinen stolz die Straße entlang schreiten. Sie würde einen frisch gepressten Orangensaft bestellen und sich unter die große Kastanie setzen, unter der er sie unzählige Male in seinem Arm gehalten und geküsst hatte. Er sah auf die Armbanduhr. Noch zehn Minuten, dann musste er los. Geld verdienen. Er brauchte doch Geld, wenn er für sie sorgen wollte, jetzt, wo alles anders werden würde. Obwohl er auf sie wartete, sich freute, sie zu sehen, schnürte sich seine Kehle zu, als sie auftauchte. Sein Herzschlag beschleunigte sich, seine Brust brannte.

   Von Tag zu Tag wurde sie schöner, seine Mona. Ihre Hände waren so zart, dass ihm ein heißer Schauder den Rücken hinab rieselte, sobald er an ihre Berührungen dachte. Verträumt schloss er die Augen und konnte fast spüren, wie sie ihm mit den Fingerspitzen durch sein Brusthaar fuhr. Was würde er dafür geben, ihr über den Bauch zu streichen. Als hätte sie seine Gedanken gespürt, legte sie schützend eine Hand auf die stattliche Kugel, die sie unter dem Herzen trug.


   Ein Schmerz, wie von einem Messerstich, bohrte sich in Thomas Brust. Dieser verdammte Wichser, dachte er, Scheißkerl! Er stieß die schlimmsten Flüche, die ihm in den Sinn kamen, auf das reiche Schwein, Keith, aus. Ein Schlappschwanz, der alles von seinen Eltern in den Arsch geschoben bekam. Der Mann, dem seine Mona jetzt gehörte. Der Typ konnte ihr alles bieten, wozu Thomas nicht in der Lage gewesen war. Der Groll auf diesen Sozialarbeiter presste ihm den Magen zusammen, als würde er von einer eisernen Faust umschlossen werden. Keith allein war schuld, dass er um jeden Preis für Mona Geld verdienen musste. Ohne einen extra Verdienst konnte er nicht mithalten.

   Aber Mona wurde geblendet, sah einfach nicht, was er für sie tat. Sie hing sich an diesen Typen und hatte keinen Gedanken mehr für ihn übrig, beinahe als würde es ihn überhaupt nicht geben. Sie hätte doch sehen müssen, dass er sie liebte, dass sie an seine Seite gehörte. Mona war klug. Thomas wusste genau, weshalb sie sich an das reiche Arschloch klammerte. Sie brauchte Geld für das Baby in ihrem Bauch. Das Kind, das seines hätte sein sollen. Thomas griff zu der Pistole in seinem Hosenbund. Am liebsten hätte er Keith damit sofort aus dem Weg geräumt. Aber nein, so dumm war er nicht. Er warf einen letzten Blick auf seine Schöne. Dann schmiss er den Motor an. Jetzt musste er sie allein lassen. Er musste Geld verdienen, damit er sie befreien konnte.


   Gedankenverloren fuhr Thomas zu dem Treffpunkt, einem schäbigen Hinterhof. Missbilligend betrachtete er die mit Graffiti verschmierten Häuserwände der Abrisshäuser. Überlaufene Mülltonnen verbreiteten Gestank. Thomas schüttelte sich angewidert. Konrad Beselius erwartete ihn bereits. Thomas begrüßte ihn mit einem Kopfnicken.
„Hast du das Geld?“, frage Beselius. Thomas konnte seine arrogante Ader noch nie leiden.
„Sicher.“ Vorsichtig sah er sich um. Als niemand zu sehen war, fragte er: „Was ist mit der Ware?“
Ein Muskel zuckte unter Beselius Auge. „So ein verdammter Idiot hat neulich ein Paket für mich an einen Mitarbeiter ausgeliefert. Wenn Keith hineingesehen hätte, wären wir geliefert gewesen.“
Am liebsten hätte Thomas gelacht, besann sich aber rechtzeitig, Vernunft zu zeigen. „Ist was aufgeflogen?“
Beselius spuckte in den Sand und kniff die Augen zusammen. „Solche Inkompetenz kann das Geschäft ruinieren. Ist aber gut gegangen.“

   Vor seinem inneren Auge sah Thomas, wie Keith die Ware bei seinem Vorgesetzten abgab. Nein, so ein Kerl war einfach nicht gut für Mona! Blinder Vollidiot!

Nachdem Thomas das Geld übergeben hatte, steckte er den Stoff in seine Jackentasche und verabschiedete sich von Beselius.   
Zu Fuß machte er sich auf den Weg zu einem Spielplatz. Hier wurde er bereits von Hajo, einem Kid aus seinem festen Käuferkreis, erwartet. Wenn er das Ding schnell über die Bühne bringen könnte, würde er rechtzeitig im Zentrum sein. Dort gab es einen Laden mit einem perfekten Platz. Jeden Mittag kam Mona dort vorbei. Heute würde er es ihr sagen. Sie musste wissen, mit was für einem Idioten sie sich abgab. Er musste sie vor ihm beschützen.

   Hajo lehnte an einem Baum und steckte ihm diskret den Fünfziger zu, den Thomas in seiner Tasche verschwinden ließ, bevor er ihm sein Tütchen in die Hand drückte. Er hoffte, der Junge würde schnell verschwinden. Ganz richtig war es ja nicht, die Kids mit Dope zu versorgen. Aber was sollŽs? Würde er sich nicht darum kümmern, würde es ein Anderer tun.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Thomas, wie sich ein Typ näherte. Im ersten Moment erkannte er ihn nicht. In seinem Strickpullover, der schwarzen Lederhose und dem schulterlangen Haar, sah er anders aus als sonst. Als er nah genug heran gekommen war, war es zu spät. Thomas blieb keine Zeit sich zu fragen, was der Mistsack hier zu suchen hatte. Thomas sah rot, seine Kehle verengte sich, der Magen schmerzte, seine Brust schien innerlich zu verbrennen, als er Keith erkannte. Der Typ stürzte sich auf ihn, als hätte er nur darauf gewartet, ihm eins auszuwischen.

   Unwillkürlich wusste Thomas, was zu tun war.

Schneller als der Kerl reagieren konnte, griff Thomas in die Tasche, riss die Pistole hervor und feuerte einen Schuss ab. Direkt auf den Kopf des reichen Schweins.
Aufsteigende Übelkeit, Schwindel und Entsetzen pressten sein Herz zusammen, als ihm bewusst wurde, dass die Kugel ihr Ziel verfehlt hatte. Anstelle von Keith fiel Hajo wie in Zeitlupe zu Boden – in seinem Kopf klaffte ein rundes Einschussloch. Eine Welt brach zusammen. Thomas bemerkte nicht einmal, dass Keith ihm die Waffe abnahm. So etwas hätte ihm niemals passieren dürfen. Er war doch kein Mörder. Nein! Er wollte das nicht.
Keith bog ihm einen Arm auf den Rücken und sprach in sein Handy.

   Thomas nutzte den Moment, riss sich los und sprintete nach vorn. Nach drei Sätzen wirbelte etwas durch seine Beine. Ein harter Schlag stieß ihn zu Boden. Blitzschnell drehte sich Thomas und umschloss Keiths Kehle mit beiden Händen. Keith schlug und zappelte um sich. Thomas freute sich, als Keiths Gesicht immer roter anlief und er nur noch röchelte.

„Es ist alles deine Schuld, Wichser.“ Schadenfroh sah Thomas, wie Keith die Finger in den sandigen Boden krallte, als würden die letzten Kräfte ihn verlassen. „Jetzt werde ich siegen. Sie gehört zu mir!“
Keiths Rechte schnellte vor und traf Thomas Kinn, wie ein Vorschlaghammer. Anwohner strömten auf die Straße, als hätten sie nur darauf gewartet, eine Attraktion geboten zu bekommen. Polizeisirenen erklangen aus einiger Entfernung und wurden in Sekundenschnelle lauter, bis sie verstummten. Polizisten mit erhobenen Waffen gingen auf sie los.
Es war allein Keiths Schuld. Hätte er sich nicht eingemischt, wäre jetzt jeder seinen Weg gegangen. Was wollte der ihm denn noch alles kaputt machen? Was sollte jetzt aus Mona werden? Wie sollte er sie jetzt vor ihm beschützen?

   Da stand der Wichtigtuer nun umringt von Polizisten und ließ sich als Held feiern, während Thomas im Fond des Polizeiwagens saß und seiner Untersuchungshaft entgegen sah. Thomas prägte sich sein Gesicht ein – würde es niemals vergessen. Ihm allein verdankte er die Misere, in der er sich befand. Er betete zu Gott, um Monas Erbarmen und ihre Liebe. Sie musste erkennen, dass er es war, der sie wirklich liebte. Alles was er tat, geschah aus dieser Liebe heraus. Alles, wofür es weiter zu leben lohnte, würde aus dieser Liebe heraus geschehen, was auch immer das sein würde.

© Tanja Hollmann
                                                 
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